Die Nacht des 7. Dezember auf den 8. Dezember 1725. Der Nikolaustag mit der Vorfreude auf das Weihnachtsfest war erst seit 24 Stunden vorbei, da schlagen mitten in der Nacht die Alarmglocken an. Erst riecht es nur nach Rauch, dann steht plötzlich die erste Häuserreihe in Flammen. Der Wind treibt das Feuer erbarmungslos durch die engen Gassen. Menschen rennen schreiend über die Straßen, versuchen Kinder, Tiere oder wenigstens ein paar Habseligkeiten zu retten. Doch gegen das Inferno haben sie keine Chance.
Bis zum Morgen ist die Stadt zerstört. Komplett.
Zurück bleiben verkohlte Mauern, Asche und Menschen, die plötzlich nichts mehr besitzen. Kein Zuhause. Kein Essen. Keine Zukunft. Viele ziehen wochenlang als Bettler durch die umliegenden Orte und bitten um Brot oder Kleidung. Andere graben sich Erdhöhlen am Stadtrand, weil selbst einfache Unterkünfte fehlen. Der Winter macht alles noch schlimmer. Hunger, Kälte und Hoffnungslosigkeit bestimmen den Alltag.
Während die Menschen ums Überleben kämpfen, fällt hinter verschlossenen Türen bereits die nächste große Entscheidung. Der geheime Rat des Fürstbistums Paderborn — besetzt mit höheren Geistlichen und Adeligen — beschließt die Aussiedlung eines großen Teils der Bevölkerung. Die Stadt soll völlig neu aufgebaut werden: aufgeteilt in Ober- und Unterstadt.
Die neue Unterstadt soll außerhalb der alten Mauern entstehen, mitten im sogenannten „Bruch“. Ein sumpfiges, feuchtes Gelände, das viele Bewohner verachten. Trotzdem müssen auf Befehl etwa die Hälfte der Menschen dorthin ziehen. Für viele fühlt es sich an wie eine Abschiebung ins Niemandsland. Es gibt Wut, Streit und Widerstand — doch der Beschluss steht fest.
1727 beginnt der Wiederaufbau.
Und plötzlich entsteht etwas, das seiner Zeit weit voraus ist. Keine verwinkelten Gassen mehr wie früher. Stattdessen gerade Straßen, schachbrettartig geplant, mit großen Grundstücken, Platz für Werkstätten, Höfe und Handel. Drei breite Straßen ziehen sich wie klare Linien durch die neue Unterstadt.
Was zunächst wie eine Strafmaßnahme wirkt, wird zum Wendepunkt der Stadtgeschichte.
Denn genau auf dem ungeliebten Boden des „Bruchs“ entwickelt sich eine neue Ordnung, die Wachstum möglich macht. Händler siedeln sich an, Handwerker bauen neue Existenzen auf, Wohlstand kehrt zurück. Die moderne Struktur der Unterstadt prägt das Stadtbild bis heute — und wurde zur Grundlage für den wirtschaftlichen Aufstieg in den Jahrzehnten nach dem großen Brand.
Das Feuer von 1725 zerstörte alles.
Doch aus der Asche entstand eine Stadt, die moderner, größer und erfolgreicher wurde als je zuvor.
Doch aus der Asche entstand eine Stadt, die moderner, größer und erfolgreicher wurde als je zuvor.